Riss am Ohrläppchen (Mordversuch) vs Schussabgabe trifft Opfer am Oberkörper (gefährliche Körperverletzung)

Riss am Ohrläppchen (Mordversuch) vs Schussabgabe trifft  Opfer am Oberkörper (gefährliche Körperverletzung)

Leipzig /Köln: Wie die Judikative und Exekutive unterschiedliche Ermittlungen und Einstufungen von Taten und der Gewaltenteilung vornimmt. Oder, Silvester Dimension medial erfunden – Leipziger Pressestelle der Polizei arbeitet politisch orientiert statt rechtsstaatlich.

In Sachsens größter Stadt wird am 2.2.2020 ein neuer Oberbürgermeister gewählt.

Köln:
Am 30. Dezember soll ein Kölner CDU-Kommunalpolitiker nach einem nächtlichen Streit alkoholisiert auf einen 20 Jahre alten Mann geschossen und diesen schwer verletzt haben. Bei dem mutmaßlichen Sportschützen wurden weitere Waffen und ein Magazin im Haus sichergestellt. Der mutmaßliche Täter schweigt zum Tathergang. Der 72-Jährige wurde vorläufig festgenommen, kam aber nicht in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft stufte mittlerweile das Tötungsdelikt auf eine gefährliche Körperverletzung herab, da der mutmaßliche Schütze mit vollem Magazin des Revolvers nur einen Schuss abgab. Die Kölner CDU-Führung schweigt zu dem Vorfall – OB Henriette Reker fordert hingegen Konsequenzen.
Immer mehr Einzelheiten zum Ablauf der Tat werden bekannt. Zum Tathergang wird vermutet, dass die Gruppe junger Menschen frühzeitig Pyrotechnik entzündete und der mutmaßliche Schütze sich daran störte. Der 72-Jährige alkoholisierte soll aus seinem Haus gekommen sein und die vier jungen Männer angesprochen haben. Mehreren Nachbarn zufolge könnte es bei dem Streit um Lärmbelästigung durch verfrühtes Böllern gegangen sein. Ein Streit sollte sich verbal entfacht haben. Plötzlich habe der Sportschütze mit der Waffe auf die Gruppe gezielt und einen Schuss abgefeuert. Dabei traf der CDU-Politiker das 20-Jährige Opfer am Oberkörper schwer und daraufhin musste das Opfer in ein Krankenhaus eingeliefert werden.

Leipzig:
Anders als von der Polizei zu Jahresbeginn behauptet, gab es in der Silvesternacht weder eine Notoperation eines Beamten noch einen Angriff mit einem brennenden Einkaufswagen. Die Diskussionen über das Geschehen gehen also weiter. Unterdessen hat nun endgültig der OBM-Wahlkampf begonnen. In der Silvesternacht sollen laut Polizei 20 bis 30 teils Vermummte am Connewitzer Kreuz drei Polizisten nach einem Festnahmeversuch attackiert und ihre Helme heruntergerissen haben. In einer ersten Mitteilung schrieb die Leipziger Polizei, dass der 38-jährige Polizist dabei „so schwer verletzt wurde, dass er das Bewusstsein verlor und im Krankenhaus notoperiert werden musste“. Von KrankenhausmitarbeiterInnen erfuhr die taz indes, dass es keine Not-OP, sondern eine Behandlung einer Ohrmuschel (Riss am Ohrläppchen – Mordversuch) des Beamten unter lokaler Betäubung gegeben habe. Ein Sprecher der Leipziger Polizei räumte ein, dass der Begriff Notoperation missverständlich gewesen sei. Er sei aufgrund eines ersten Kenntnisstands gewählt worden. Gemeint gewesen sei eine „dringliche Operation“, die schnell habe erledigt werden müssen.

Mehrmals ungenau formuliert:
„Eine Gruppe von Gewalttätern versuchte einen brennenden Einkaufwagen mitten in eine Einheit der Bereitschaftspolizei zu schieben“ heißt es in einer Pressemitteilung der Polizei. Am Donnertag hieß es seitens des LKA nur noch: „Darüber hinaus wurde ein brennender Einkaufswagen in Richtung der Polizeibeamten geschoben.“

Zum Tathergang aus einer Videosequenz:
Die L-IZ konnte ein am Connewitzer Kreuz aufgenommenes Video einsehen. Michael Freitag schildert die Situation mit dem Einkaufswagen so: „Ein einzelner Mann schiebt einen brennenden Einkaufswagen etwa fünf Meter übers Connewitzer Kreuz, das Gefährt kommt zum Stehen, kippt um, brennt weiter. Einsatzbeamte sind in dieser Szene mit Blick Richtung Selnecker Straße nicht zu sehen.“
Dann entfernen sich mehrere Personen aus dem Bild. Szenenwechsel, Schwenk der Kamera, Blick auf die Gegenseite des Platzes, Bornaische Straße.
Warum die beiden Einsatzbeamten, einer mit und der später schwer verletzte Beamte ohne Helm auf dem Kopf, einen eher krabbelnden als gehenden Mann auf Höhe des Gemüsestandes versuchen, allein in Gewahrsam zu nehmen, ist unklar. Das LKA Sachsen spricht seit dem 2. Januar 2019 in einem ersten Statement hierbei von einer Festnahme, welche mit dem brennenden Einkaufswagen in Verbindung stehen würde.
Es ist eine untypische Einsatzsituation, normalerweise finden Ingewahrsamnahmen durch Bereitschaftseinheiten mit umgebenden Beamten zur Absicherung statt, Videobegleitung zur Beweisführung inklusive. All dies fehlt, weitere Beamte sind in dieser Szene nicht zu sehen.
Als sie versuchen, ihn auf dem Connewitzer Kreuz stadtauswärts Richtung Bornaische Straße zu bringen, kommt es zu einer Art Solidarisierung der Umstehenden. „Ihr Wichser“ und „Verpisst Euch“-Rufe schallen um die beiden Beamten herum. Fast zeitgleich erfolgt der erste Angriff durch vermummte Personen. Auf sie und einen weiteren Beamten, der – an der Situation noch völlig unbeteiligt – von der Mittelinsel am Connewitzer Kreuz förmlich heruntergetreten wird.
Kurz hintereinander springen mehrere teils mit Sturmhauben vermummte Männer den drei Beamten so jeweils mindestens einmal in den Rücken, offenbar entschlossen, angesichts der kurzzeitigen, zahlenmäßigen Überlegenheit hier eine Art „Gefangenenbefreiung“ zu starten.
Weitere Beamte sind noch immer nicht zu sehen, die Gewaltspirale dreht sich, ein anderer ebenfalls vermummter Mann schießt mit einer Rakete in Richtung der noch immer nur zu zweit mit der Festnahme und nun auch der Selbstverteidigung befassten Beamten. Beim Tritt in den Rücken hat der an der Festnahme nicht beteiligte Beamte seinen Helm verloren, ob vom Kopf oder aus der Hand ist nicht zu sehen.
Ein weiterer Vermummter nimmt den Helm umgehend von der Straße auf und wirft diesen aus maximal drei Metern Entfernung auf die Beamten, welche soeben noch mit dem Abführen eines Tatverdächtigen befasst waren und nun Ziel massiver Angriffe, wiederholter Tritte und Böllerbewurf sind. Ob der Helmwerfer jemanden trifft, ist nicht zu sehen, doch beide Beamte liegen am Boden und versuchen wieder aufzustehen.
Nur einem gelingt es. Beim Aufrappeln tritt ein weiterer Angreifer mindestens einmal nach dem anderen, der Beamte ohne Helm bleibt nun regungslos liegen. All dies geschieht innerhalb von etwa 10 Sekunden, dann kommen weitere Polizisten ihren drei Kollegen zu Hilfe und versuchen gleichzeitig, erste Verhaftungen durchzuführen.

Dieser Artikel basiert auf Grundlage von Recherchen und Datenerhebungen des Recherchekollektivs „Anti-facist filmeditors union – Affeu“.

AFFEU

AFFEU: anti-fascist film editors union - ist ein antifaschistisches Recherchekollektiv. Die Rechercheschwerpunkte liegen auf rechtsextremen Netzwerken, den deutschen Sicherheitsbehörden und Parteien. AFFEU auf Twitter