Nach Schlag mit Ringen an geballter Faust – Richter verurteilt Neonazi wegen gefährlicher Köperverletzung

Nach Schlag mit Ringen an geballter Faust –  Richter verurteilt Neonazi wegen gefährlicher Köperverletzung

Nachdem die Polizei Ermittlungen wegen schwerer Körperverletzung gegen einen Neonazi aufgenommen hatte, der als Teilnehmer des nationalistischen Aufmarschs „Kandel ist überall“am Samstag, 3. März 2018 teilnahm, stand nun der Angeklagte Thorsten Alexander U. heute am Dienstag, 4. Februar 2020, vor Gericht. Der Angeklagte soll eine Polizeikette durchbrochen, einen Gegendemonstranten angegriffen und schwer verletzt haben. Das Opfer erlitt eine Gehirnerschütterung und hatte Strafanzeige gegen den Angreifer erstattet. Der Richter verurteilte den Neonazi zu 15 Monaten Gefängnisstrafe, die auf 3 Jahre zur Bewährung angesetzt wurde. Weiter muss der Neonazi 1600 Euro Strafe zahlen, die an eine soziale Einrichtung zur Jugend Rechtspflege gerichtet sein muss.

Zum Hergang des Angriffs
Am 3. März 2018 in Kandel, als tausende AnhängerInnen von Pegida, AfD, NPD, Identitären, Neonazis und rechte Holligens bei einem angeblichen „Trauermarsch“ in der kleinen Pfälzer Stadt marodierten und die Ermordung von „MIA“ für sich zu instrumalisieren versuchten, hatte sich vor einem Gebäude in der Rheinstraße – von der Polizei von der Demoroute der Rechten abgeschirmt – eine kleine Gruppe von Nazi-GegnerInnen versammelt. Aus dem Rechten-Aufzug soll sich der Angeklagte gelöst haben und unvermittelt einen Antifaschisten angegriffen und mit Schlägen malträtiert haben.


Angreifer trug Ringe an der Schlaghand
Zur Beweisaufnahme wurde Videomaterial herangezogen aus dem hervorgeht, dass der Angeklagte eine Lücke in der Polizeireihe genutzt hatte, um diese zu durchbrechen. Aus dem Videomaterial ging hervor, dass die Aggressionen der rechten Demonstranten förmlich explodierten. Der Angeklagte, der mehrere Ringe an der Schlaghand trug, hatte unvermittelt auf den friedlichen Gegendemonstranten eingeschlagen. Das Opfer blieb darauf am Boden liegen. Der Angeklagte soll daraufhin von Polizeibeamten zurück in den Demonstrationszug der Rechten verbracht worden und erst später ermittelt worden sein.

Als Zeugen waren der Geschädigte sowie ein Polizeibeamter geladen. Der Polizeibeamte der an dem besagten Tattag als Gruppenführer eingesetzt war gab an: „Ich habe die Tat nicht selbst gesehen und kann den Angeklagten nicht identifizieren.“ „Es wäre das übliche Bild von Demonstrationen gewesen. Es habe verbale Äußerungen im Vorfeld beidseitig gegeben. Als Gruppenführer müsse er auf seine eingesetzten Beamten achten, damit die Reihen wieder geschlossen blieben.“
Der Geschädigte gab an: „Es sei seine erste Demonstration gewesen an der er teilgenommen hatte. Nach dem Angriff hätte er niemals mehr auf Demonstrationen teilgenommen.“ Auf Nachfragen des Richters an den Angeklagten auf welcher Versammlung er teilgenommen hätte, antwortete der Angeklagte; „ Er hätte an der Versammlung des Frauenbündnisses teilgenommen.“

Urteil gegen Neonazi
Rechtsanwalt Manfred Döring vertrat den Angeklagten, Thorsten Alexander U. vor Gericht. Richter Zwick, folgte dem Antrag der Staatsanwaltschaft und verurteilte den Neonazi zu 15 Monaten Gefängnisstrafe, die auf 3 Jahre zur Bewährung angesetzt wurde. Des Weiteren muss der Neonazi eine Geldstrafe in Höhe von 1600 Euro, monatlich zu 160 Euro zahlen. Kosten für das Verfahren trägt der Angeklagte. Rechtsmittel können fristgerecht eingelegt werden. Die Strafe soll an eine soziale Einrichtung zur Jugend Rechtspflege gerichtet sein.

Zur Begründung gab Richter Zwick an: Die Tat des Angreifers sei eine geplante Tat, da der Angeklagte schon im Vorfeld vor der Polizeikette sich drohend, mit geballter Faust aufgebaut hatte. Die Ringe an der Hand hatten die Schlagwirkung verstärkt. Es sei eigentlich nur ein glücklicher Zufall gewesen, dass der Geschädigte 2 Kapuzen und zusätzlich eine Mütze getragen hatte, die die Schlagwirkung abfederte, so der Richter, und weiter: Zum Urteilsmaß ist auch das weitere Verhalten des Geschädigten zu verwerten. Dieser sei zu keiner weiteren Demonstration nach den Angriff des Angeklagten gegangen. Somit wurde der Geschädigte in seiner freien Ausübung und grundgesetzlich verbrieften Rechten durch den Tathergang beschnitten und eingeschüchtert worden.

Der Erfahrungsbericht des Angegriffenen im Wortlaut aus März 2018:
„Alles ging unglaublich rasant. Kaum war die erste Spitze des Marsches auf unserer Höhe, erklangen die typischen rechte Parolen. Die Aggressionen, ausgehend von den rechten Demonstranten, explodierten förmlich. Der Lärmpegel explodiert. Dann ging es los. Vereinzelt rannten die rechten TeilnehmerInnen schreiend und drohend auf die Polizisten, die eine Schutzreihe gebildet hatten, zu.

Die allem Anschein nach alkoholisierten und aufgebrachten TeilnehmerInnen der rechten Menge bewarfen die Beamten und uns mit Flaschen, die in der Hofeinfahrt zerschlugen. Ein großer glatzköpfiger Mann links von uns fiel uns auf. Dieser stand zuerst ruhiger vor der Polizei als die restliche grölende Meute. Anschließend drohte die glatzköpfige Person uns mit der mit Ringen besetzten Faust.“

Und weiter: „Dann riss für einen kurzen Moment eine Lücke in der Polizeikette auf. Mit zwei schnellen langen Schritten rannte der Angreifer auf mich zu und donnerte mir die Faust auf den Schädel. Ich konnte den Schlägen nicht ausreichend ausweichen. Sofort nach dem Durchbruch wandten die Polizisten Pfefferspray und Schlagstock gegen die Meute an. Die herbeieilenden Einsatzkräfte drängten den Angreifer zurück, und meine Bekannten und ich wurden hinter das Hoftor von den Beamten gebracht.

Im weiteren Verlauf ging ich benommen zu Boden. Anschließend wurde mein Kopf mit Kühlpacks behandelt. Nachdem es wieder ruhig war und es mir zuerst auch etwas besserging, wollte ich mich mit meinen Bekannten noch der Gegendemonstration ‚Kandel ist bunt‘ anschließen. Jedoch war mein Zustand doch nicht der beste. Eine halbe Stunde später erbrach ich und musste im Rettungswagen mich ambulant behandeln lassen.

Anschließend schlossen wir uns einer größeren Gruppe an, die sich in Richtung Bahnhof auf dem Weg machte, und fuhren nach Hause. Am Tag darauf erstatte ich gegen den Angreifer bei einer Polizeidienststelle Anzeige, die die Ermittlungen aufgenommen haben. Am Montag, also zwei Tage später, musste ich nach anhaltenden Kopfschmerzen mich ins Krankenhaus begeben. Noch heute spüre ich deutlich, wo die Ringe meinen Kopf getroffen haben. Abschließend möchte ich an das Polizeiteam, welches mir geholfen hatte, meinen aufrechteren Dank bekunden, ich weiß nicht ob ich es aus eigener Orientierung hinter dieses Hoftor geschafft hätte.“

Dieser Artikel basiert auf Grundlage von Recherchen und Datenerhebungen des Recherchekollektivs „Anti-facist filmeditors union – Affeu“.

AFFEU

AFFEU: anti-fascist film editors union - ist ein antifaschistisches Recherchekollektiv. Die Rechercheschwerpunkte liegen auf rechtsextremen Netzwerken, den deutschen Sicherheitsbehörden und Parteien. AFFEU auf Twitter